Gerade geht er wieder los, der sogenannte „Ernst des Lebens“. In einigen Bundesländern hat bereits die Schule angefangen und die Erstklässler werden auf Einschulungsfeiern von der Lehrerschaft sowie Mitschülerinnen und Mitschülern willkommen geheißen und feierlich begrüßt. Die stolzen Eltern stehen dabei, hier und da verdrückt jemand ein Tränchen und der Rest macht Fotos. Und so werden die kleine Marie und der kleine Jonas noch in 20 Jahren daran erinnert, dass sie während der Aufführung der Flöten-AG gar nicht andächtig gelauscht, sondern genüsslich in der Nase gebohrt haben. Die Mutter der kleinen Sophia hat die komplette Feier gefilmt – genau wie die Eltern von zahlreichen anderen Kindern. Immerhin geht ein neuer Lebensabschnitt los und wie das aussieht, das möchte man einfangen. Von der Realität geht eine gewisse Magie aus. Maja weint und Tobias popelt, Sarah streckt die Zunge raus und Sebastians Augenlider hängen auf Halbmast, Anna zieht einen Flunsch und der Rest langweilt sich, ohne das Ganze in eine äußerlich sichtbare Reaktion münden zu lassen. Das alles wird auf zahllosen Fotos und Videos dokumentiert und längst nicht mehr nur im privaten Familienfotoalbum eingeklebt. Das Private wird zusehends öffentlich, weil Eltern ja stolz auf ihre Kinder sind, die immer mehr zum Statussymbol werden. Über 91.000 mal sind Fotos bei Instagram mit dem Hashtag Einschulung versehen – und das sind nicht nur Symbolfotos oder Aufnahmen vom eigenen ersten Schultag. Es sind überwiegend Bilder, auf denen Kinder, die hübsch zurechtgemacht sind, zu sehen sind. Öffentlich. Die kleine Peaches aus Brandenburg ist neben ihrer Einschulungstorte zu sehen. Auf einem Schild steht „Peaches 1# Schultag“. Der Account heißt so, wie die Familie. Eine Userin kommentiert: „Da ist jemand, der hat euer Profil geklaut und hat eure Kinder im Profil. Habe euch eine Nachricht gesendet.“ Der Beitrag ist ganz aktuell, von vergangener Woche.
Es gibt auf Facebook Gruppen, die „Mädels in Hotpants und Minirock“ heißen und mehrere tausend Mitglieder haben. Ich habe in solchen Gruppen bereits recherchiert, als ich über das Thema „Missbrauch“ geschrieben habe. Die Mitglieder posten dort nicht Fotos von nackten Frauen, denn das ist auf Facebook verboten. Stattdessen finden sich zahlreiche Bilder von minderjährigen Mädchen in völlig harmlosen Kontexten. Zum Beispiel auf Schulfeiern. Dazu kommen dann Kommentare wie: „Die ist geil, die würde ich sofort knallen!“ Es kann unmöglich jemand wollen, dass das eigene Kind auf diese Weise zum Objekt gemacht wird.

„ICH MUSS SAGEN, MICH NERVT DIESE VERORDNUNG MANCHMAL GEWALTIG.“

Und dann gibt es da die andere Seite, die zwar nicht als Eltern Fotos der eigenen Kinder öffentlich ins Netz stellt, die aber auch Verantwortung trägt. Die Rede ist von Lehrerinnen und Lehrern, die ständig mit personenbezogenen Daten von Kindern zu tun haben. Die meisten Lehrer verhalten sich in dieser Hinsicht auch vorbildlich, weil sie sich dessen bewusst sind, dass sie eine große Verantwortung tragen. Andere fühlen sich durch die DSGVO einfach nur in ihrem Recht beschnitten, total entspannt mit dem Thema Persönlichkeitsrechte umzugehen. Das ist ja doof, dass sich die Welt ändert und neue Möglichkeiten auch neue Herausforderungen bedeuten. Es wäre ja schön, wenn die Kinder noch unbeschwert auf der Straße Fußball spielen könnten, ohne befürchten zu müssen, von einem Auto überfahren zu werden, aber es gibt heute nun mal sehr viele Autos. Und weil nicht nur die Automobilbranche enorme Wachstumsphasen erlebt hat, sondern auch die Digitalisierung zu veränderten Bedingungen geführt hat, müssen wir uns eben darauf einstellen, auch wenn man das vielleicht doof findet, wie eine Lehrerin in einem Lehrerforum: „Wenn ich das hier alles lese, dann danke ich für die Gnade der frühen Geburt! Was haben wir zu meiner aktiven Zeit alles aufgehängt, ausgestellt, fotografiert, weitergegeben… Und jeder hat sich gefreut und keinen hat’s gejuckt.“
Dort wird gerne über die DSGVO gelästert: „Ich muss sagen, mich nervt diese Verordnung manchmal gewaltig.“ Eine Lehrerin möchte in ihrem Klassenzimmer einen Geburtstagskalender aufhängen, der neben den Fotos der Schülerinnen und Schüler die Namen und Geburtstage der Kinder beinhaltet. Das Klassenzimmer wird mehrmals im Jahr für einen Flohmarkt genutzt. Den Tag der offenen Tür gibt’s natürlich auch. Und dann kommt so eine saublöde Verordnung daher und verbietet das Aufhängen von Kinderbildern in Verbindung mit Namen und Geburtsdaten… So ein blöder Mist aber auch! Dabei wäre es so einfach. Im Prinzip nicht anders, als sonst auch: Einfach nachfragen! Und wenn das Einverständnis dann eingeholt ist – am besten schriftlich, weil das am verlässlichsten ist – ist das alles auch kein Problem. Bitter wird’s dann, wenn sich Lehrkräfte, deren Verantwortungsbereich sich durch die Digitalisierung gewandelt hat, offen dazu bekennen, dass ihnen das total egal ist und sie dafür auch noch gefeiert werden: „Das sind die Momente, in denen ich froh bin, an einer sog. Brennpunktschule zu unterrichten. Beim Unterrichten haben wir es vielleicht schwerer, aber diese Bobo-Probleme gibt es dafür nicht. Ich habe auch ‚verbotenerweise‘ eine WhatsApp-Gruppe mit den Eltern und das wird dankbar und erfreut angenommen. Man muss nicht aus allem ein Problem machen, und je mehr man herumfragt, desto verbotener wird es.“ Klar, das ist auch eine Lösung, aber eben keine legale und auch keine faire, denn wer Verantwortung trägt, weil es nun mal zu seinem Job gehört, muss dieser Verantwortung nun mal gerecht werden – auch wenn die Eltern und Schüler mit der Problematik noch nicht so vertraut sind.
Das Ding ist: Die DSGVO ist ausgesprochen sinnvoll und war aus Verbrauchersicht längst überfällig. Und nervig ist nicht die DSGVO selbst, sondern die immer noch bestehende Unsicherheit. Aber die wird sich im Lauf der Zeit legen. Das ist ja immer so in Phasen der Transformation. Da musste jetzt mal die DSGVO kommen, die alle so furchtbar nervig finden, um die Öffentlichkeit für das Thema Persönlichkeitsrechte zu sensibilisieren. Ich meine, es ist ja nicht so, dass es das Grundgesetz, das KUG, das SchulG und das BDSG erst seit gestern gibt… Es war uns in den guten alten Zeiten und dann eben auch in den neuen Zeiten nur überwiegend egal. Aber wenn dann mal was passiert ist, war das Geschrei natürlich groß. Und vieles hat man schlichtweg nicht mitgekriegt. Das ist übrigens immer noch so.