Dating und Datenschutz gehören zusammen wie Faust und Auge, Arsch und Eimer und Klaus und Klaus. Auch morphologisch sind die beiden verwandt und teilen sich die ersten drei Buchstaben. Ob es aber wirklich die große Liebe ist, steht auf einem anderen Blatt.
Wenn es um das größte Menschheitsthema geht, tanzt die graue Substanz im präfrontalen Cortex Tango und wir haben unendliches Vertrauen. Schließlich weiß mittlerweile jeder, dass Misstrauen Beziehungen zerstört! Aber bieten (in Teilen) kostenlose Dating Apps wirklich einen geschützten Raum, in dem man bedenkenlos so viel von sich preisgeben kann, dass es potenziell in einen Erfolg bei der Partnersuche mündet? Sich in ein leeres Profil zu vergucken, ist ja eher unwahrscheinlich und gerade wenn wir unserem Gegenüber imponieren wollen, neigen wir dazu, unser Innerstes nach außen zu kehren und das Konzept der Datensparsamkeit als paranoides Konstrukt abzutun. Nirgends geben Menschen so viele sensible Informationen über sich selbst preis, wie bei Dating Apps. Okay, okay, Google weiß noch mehr über uns, aber das ist ein anderes Thema… Unsere sexuellen Vorlieben kennen oftmals nicht einmal unsere besten Freunde – Unternehmen aber schon.
Wer Lust auf ein echtes Abenteuer hat, denen möchte ich die Lektüre der Datenschutzerklärungen von Tinder & Co ans Herz legen. Erhöhter Puls garantiert!

EINWILLIGUNG IN FLOTTEN DREIER

Wer denkt, dass Tinder, Lovoo und Co karitative Einrichtungen sind, die ihren Service aus reiner Menschenliebe zur Verfügung stellen, sollte sich diese Naivität ganz schnell abtrainieren, weil es bei einer derart schweren Form der Blauäugigkeit durchaus auch im Bereich des Möglichen liegt, Heiratsschwindlern oder Serienmördern auf den Leim zu gehen. Bei kostenfreien Angeboten, etwa dem „Freemium-Modell“ von Lovoo, kommen so gut wie immer auch Dritte ins Spiel. Das sollte sich jeder bewusst machen, der diese kostenlosen Dienste nutzt. Bei derart sensiblen personenbezogenen Daten sollten Nutzerinnen und Nutzer ausnahmsweise AGBs und Datenschutzerklärung lesen. Einen Datenschutzskandal gab es im vergangenen Jahr zum Beispiel bei Grindr, einer Dating App, die vor allem bei homo- und bisexuellen Männern beliebt ist. Das Unternehmen gab äußerst sensible Daten, die u.a. E-Mailadressen, GPS-Lokalisierung, HIV-Status und das letzte Datum des HIV-Tests umfassten, an die Datendienste Apptimize und Localytics weiter. Keine schöne Vorstellung, dass Gesundheitsdaten an Datenhändler verscherbelt werden…

LOVE ON SALE

Während die Beatles noch „Can’t Buy Me Love“ sangen, gab es bei Philipp Boa in den 90ern bereits “Love on Sale”. Im Oktober 2018 veröffentlichte die Künstlerin Joanna Moll einen Text zu ihrem Kunstprojekt „The Dating Brokers“. Für schlappe 136 Euro hatten Moll und das Tactical Tech Collective von einem Datenhändler die Daten von einer Million-Online-Dating-Profilen erstanden. Nicht etwa in den Tiefen des Darknets, sondern einfach so! Neben Usernamen, E-Mailadressen, Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, Beruf und persönlichen Interessen sowie Persönlichkeitsmerkmalen, enthielt das Datenpaket auch noch etwa fünf Millionen Fotos. Durch eine Auswertung der Metadaten gelang es dem Kollektiv sogar, die jeweiligen Dating-Plattformen herauszufinden. Wer nicht unwissentlich Teil eines Kunstprojekts oder mit personalisierter Werbung bombardiert werden möchte, sollte also genau überlegen, mit welchen Daten er Dating-App-Anbieter füttert. 100% Sicherheit kann ohnehin kein Unternehmen bieten – weder in puncto Liebe, noch in puncto Datenschutz. Der Online-Chat Knuddels, den auch viele Jugendliche nutzen, gab im Oktober 2018 bekannt, dass mal eben die Datensätze von knapp zwei Millionen NutzerInnen entwendet wurden – inklusive unverschlüsselter Passwörter. Vergleichbare Pannen wären selbstverständlich auch bei Datingplattformen denkbar.

GEMEINSAM IST MAN WENIGER ALLEIN

Private Chats sind  zudem weniger privat als man meinen möchte. In der Datenschutzerklärung – in diesem Fall eher ein Datenkaperbrief – von Tinder heißt es zum Beispiel: “Of course, we also process your chats with other users as well as the content you publish, as part of the operation of the services.” Klar, private Plaudereien aus dem Chat werden natürlich mitverwurstet – und zwar nicht nur die Metadaten! Sonst könnte das Unternehmen seinen Job ja nicht richtig machen, der by the way darin besteht, Geld zu verdienen. Gratis gibt’s nichts – der Online-Amor verschießt seine Pfeile stets gegen Gebühr.
Was auf alle Fälle vermieden werden sollte, ist die Kopplung mit Facebook. Auch wenn es unheimlich umständlich ist, zwei zusätzliche Minuten zu investieren, so ist es doch empfehlenswert, sich bei jedem Anbieter extra zu registrieren, da z.B. Tinder sonst Zugriff auf zahlreiche persönliche Facebookdaten bekommt. Zudem ist ein zeitnaher Umstieg auf Messenger mit sicherer Verschlüsselung vernünftig – im Optimalfall Dienste wie Threema oder Signal, die mehr Sicherheit und Datenschutz gewährleisten als Whatsapp.
Wer auf das Gratisglück hofft, sollte sich also immer vor Augen halten, wie unschön die Vorstellung ist, dass ein Unternehmen intimste Details über einen erfährt. Im Onlinebusiness hat alles seinen Preis – vor allem dann, wenn es kein Geld kostet.