Datenkraken kommen gerne im coolen Gewand daher. Hätte Facebook das Design der DOS Shell, wären der Erfolg und der Umsatz des Unternehmens überschaubarer – und die Inhalte sicher auch. Am allercoolsten sind aber immer noch Kühlschränke! Samsung, ein Unternehmen, das nicht nur smarte Telefone, sondern auch smarte Kühlschränke verkauft,  hat nun den ultimativen Mix aus „cool“ und „sozial“ auf den Markt gebracht: Die Datingapp Refrigerdating, die Liebeshungrige dazu veranlassen soll, ihr Innerstes zu offenbaren, den Inhalt ihres Kühlschrankes. Fridgies statt Selfies heißt die Devise. Im Prinzip ein schlauer Ansatz, weil Konflikte hinsichtlich der Ernährung auf diese Weise bereits im Vorfeld ausgeräumt werden können, da der umweltbewusste Biogemüsekonsument wahrscheinlich keine Fertigfleischsalat-Frau daten wird. Wir leben in Zeiten, in denen davon ausgegangen werden kann, dass sich Menschen in Kühlschrankprofile anderer Menschen verlieben: Alle fünf Minuten verliebt sich ein Hungriger in das Essen irgendeiner fremden Frau.
So eine Kühlschrankinhaltsdatingapp ist ja auch ein echter Distinktionsdetektor – wer nur Bier kühlt, hat vielleicht auch ein Alkoholproblem und Kaviar könnte ein Indikator für Snobismus und mangelndes Nachhaltigkeitsbewusstsein sein. Natürlich wäre auch Betrug möglich. So wie Selfies nachbearbeitet werden, könnten z.B. Wallpapers für Kühlschränke Perfektion in puncto Lifestyle vorgaukeln. Männern wäre es damit möglich, Bier und Bärchenstreich hinter einer Flasche Sauvignon Blanc und diversen Biogemüse-Aufstrichen verschwinden zu lassen, denn vor allem statusbewusste Frauen achten nachweislich auf die Ernährungsgewohnheiten des potenziellen Partners.
Was hat das Ganze nun mit Datenschutz zu tun? Samsung möchte natürlich nicht nur Singles glücklich machen, sondern vor allem Kühlschränke verkaufen. Die Kühlschrankdatingapp ist eine Werbemaßnahme, die auf Gamification und „Social-Mediafication“ setzt, denn die Fotos sollen am besten direkt von der Samsung-Kühlschrankkamera gemacht werden. Durch einen spielerischen Umgang mit dem smarten Kühlschrank, der eher eine Kommandozentrale in der Küche ist, gewöhnt man sich schnell an die Überwachung durch den mehrere tausend Euro teuren Family-Hub, der nicht nur sämtliche Küchengeräte und Lampen steuern kann, sondern auch drei Kameras in seinem Inneren birgt. Die Funktion „Smart Recipes“ kann mit den Vorlieben und Lebensmittelunverträglichkeiten sämtlicher Familienmitglieder gefüttert werden. Dem südkoreanischen Konzern geht es also nicht nur um Coolness und Kundenbindung, sondern vor allem um Daten.

DIE ÜBERWACHUNG DER ÜBERWACHER UND DER ÜBERWACHTEN

IoT-Geräte (Internet of Things/Internet der Dinge) sind immer noch eine massive Sicherheitslücke. Gerade Unachtsamkeiten seitens der Nutzer bergen Risiken, da Hacker leicht auf unzureichend gesicherte Geräte zugreifen können. Der Cyberangriff auf Server der Organisatoren der Olympischen Winterspiele in Südkorea hat die Regierung von Japan nun zu pädagogischen Maßnahmen veranlasst. Um fatale Fehler, wie z.B. die Verwendung unsicherer Standardpasswörter (1234 usw.), auszumerzen, soll das National Institute of Information and Communications Technology (NICT) zukünftig die japanischen Bürgerinnen und Bürger hacken. Sollte ein Zugriff auf Router, smarte Geräte und Co möglich sein, wird der Nutzer von NICT informiert und dazu aufgefordert, den Schutz zu verstärken. Dass die Regierung damit ohne das Wissen der Überwachten u.a. auf private Kameras zugreifen kann, wird kontrovers diskutiert. Rechtlich hat sie immerhin schon vorgesorgt: Die gesetzlichen Grundlagen für die Maßnahme wurden bereits im vergangenen Jahr geschaffen. Unter dem Aspekt des Datenschutzes stellt sich natürlich die Frage: Was kommt als nächstes? Schickt die Nationale Krankenversicherung Kokumin Kenkō Hoken ihren Mitgliedern bald eine Warnung, wenn sie mehr als 50% Fertigessen im Samsung Family Hub stehen haben?

KEINER KENNT UNS BESSER ALS DAS KÜHLREGAL

Unter dem Begriff „Überwachungskapitalismus“ wird das Phänomen zusammengefasst, dass das richtige Geldverdienen für den Hersteller erst nach dem Kauf der Ware losgeht. Unternehmen können Geräte wie Smart-TVs nur aufgrund der sogenannten „Post-Kauf-Monetarisierung“ vergleichsweise günstig anbieten. Gewinn macht der Hersteller erst durch den Verkauf von Daten und Zugängen zu dem Gerät. Dabei wird bereits mit Strafzahlungen, die durch den Missbrauch der Kundendaten zustande kommen, kalkuliert.
Die US-Drogeriekette Walgreens kündigte kürzlich Kühlregale an, die Kunden mithilfe einer Gesichtserkennungssoftware kennenlernen sollen. Kameras und Sensoren sind dann nicht nur dazu in der Lage, Konsumenten zu identifizieren, sondern auch dazu, ihre Blickrichtung zu erfassen. Eine Iris-Tracking-Software erkennt, wo wir wie lange hinsehen und zieht damit Rückschlüsse auf unser Verhalten. Ein Schlaraffenland für die Macher personalisierter Werbung! Dabei kann es natürlich auch zu Fehlinterpretationen kommen, wenn das Kühlregal zum Beispiel eine rote Nase sieht und dem Kunden zuflüstert:  „Hallo Säufer, dirty old man, willste ne Flasche Schnaps im Sonderangebot mitnehmen? Aber hey, nicht in die Jacke stecken!“ Dabei ist der Kunde vielleicht einfach nur erkältet oder der Weihnachtsmann! Und der ist noch viel cooler als jeder Kühlschrank und weiß eine Menge über uns. Aber das ist ein anderes Thema, das im Dezember wieder zur Debatte stehen wird…