Mein Mann hatte heute in seinem Facebook-Newsfeed einen ausgesprochen geschmacklosen, gesponserten Beitrag. Gesundheitscoach Nico M. warb mit dem Foto eines Vaters, der mit seinem Sohn an einem Grab steht für sein Business. Nun kann man Nico M. natürlich unterstellen, in puncto Marketing nicht gerade der Hellste zu sein, zumal der Text sogar noch verstörender als das Bild ist: „Stell dir vor Dein Name ist Sabine. Sabine ist 43 Jahre alt und hat einen Mann und ein Kind. Sie arbeitet hart, um für die Familie zu sorgen. Doch darunter leidet auch ihre Gesundheit.“ Und dann geht’s ratzfatz zur Sache. Sabine fühlt sich schlapp, hat Angst vorm Sterben und befürchtet, nicht mehr miterleben zu dürfen, wie ihre Kinder (huch, eben war es doch nur ein einziges…) und Enkel groß werden. Und dann bietet der Gesundheitscoach mit offenbar göttlichen Gaben ein Mittel an, das jedem garantiert, dass er 100 wird! Zum Schluss wird’s richtig spannend: „𝗪𝗼𝗿𝗮𝘂𝗳 𝘄𝗮𝗿𝘁𝗲𝘀𝘁 𝗗𝘂 𝗻𝗼𝗰𝗵? 𝗗𝘂 𝗺𝘂𝘀𝘀𝘁 𝗷𝗲𝘁𝘇𝘁 𝗵𝗮𝗻𝗱𝗲𝗹𝗻, 𝗯𝗲𝘃𝗼𝗿 𝗲𝘀 𝘇𝘂 𝘀𝗽𝗮̈𝘁 𝗶𝘀𝘁. 𝗗𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗭𝗲𝗶𝘁 𝗶𝘀𝘁 𝗝𝗘𝗧𝗭𝗧. 𝗗𝗶𝗲 𝗨𝗵𝗿𝘁𝗶𝗰𝗸𝘁.“ Das steht da allen Ernstes! Mal abgesehen davon, dass der Gesundheitscoach mit einem einzigen Seitenlike (wundert das eigentlich wen?) auf eine Art und Weise auftritt, die ich gelinde gesagt als völlig durchgeknallt bezeichnen würde – solche irreführenden Gesundheitsversprechen, die zum Inhalt haben, dass man garantiert 100 wird, sind gesetzlich verboten.

PAPA „ZUFALL“ TRITT AUF DEN PLAN

Was hat das Ganze nun mit Datenschutz zu tun? Mein Mann ist seit einiger Zeit in einer Papa-Gruppe, weil wir uns als Kulturwissenschaftler mit Interaktionen in digitalen Soziotopen wie Facebookgruppen beschäftigen. Da spielt natürlich auch Elternschaft eine wichtige Rolle. Und kurz bevor meinem Mann der gesponserte Beitrag des Gesundheitscoaches angezeigt wurde, hatte er sich aus reiner Neugierde (ob nun wissenschaftlicher Natur oder nicht, sei dahingestellt…) die Kommentarspalte eines Papagruppen-Posts angesehen. Ein Vater berichtete von seiner Frau, die sich seit einiger Zeit schlapp fühlte. Die Verweildauer beim Beitrag betrug etwa eine Minute, weil mein Mann die Kommentare nicht nur überflogen, sondern wirklich gelesen hat. Und keine halbe Minute später kommt ein Gesundheitscoach an, der von einer Frau erzählt, die sich schlapp fühlt? Was für ein unglaublicher Zufall! Oder? Solche „Zufälle“ ereignen sich übrigens ständig, nur fällt uns das nicht so stark auf, weil die Marketingstrategien anderer Unternehmen in der Regel durchdachter sind und wohlweislich auf Friedhofsfotos verzichten.

FACEBOOK FÄRBT UNSERE WAHRNEHMUNG EIN

Wer immer noch der geläufigen Auffassung ist „Warum sollten Daten schützenswert sein? Die sind doch nicht vom Aussterben bedroht!“, könnte genau JETZT mal darüber nachdenken, was es mit uns macht, wenn jemand unser Verhalten berechnet und uns darauf basierend in ein Schema presst. Besonders gefährlich ist das übrigens dann, wenn wir uns dessen nicht bewusst sind.
Wir sind berechenbar und entscheiden bei der Nutzung von sozialen Netzwerken erschreckend wenig selbst. Stattdessen entscheidet ein Algorithmus für uns. Dass Unternehmen dank unserer Daten dazu in der Lage sind, uns Geld aus der Tasche zu ziehen, ist ein Aspekt; dass sie aber gleichzeitig eine Verhaltensmodifikation bei jedem Einzelnen bewirken, ist wesentlich beunruhigender. Wer denkt: „Ach, ich muss ja nichts kaufen, nur weil Facebook mir das vorschlägt! Werbung ist schon okay“, sieht also nur eine Seite. Wirklich wichtig ist es zu begreifen, dass ein Unternehmen dazu in der Lage ist unsere Wahrnehmung der Welt einzufärben. Je mehr wir Facebook nutzen, desto stärker prägt es unser Welt- und Selbstbild – leider überwiegend negativ.

 DER MENSCH ALS WARE

Durch unser Nutzungsverhalten kann ein Algorithmus mit großer Treffsicherheit feststellen, ob und wie zufrieden oder unzufrieden wir sind. Je mehr Daten er von uns bekommt, desto besser kennt er uns. Und Unternehmen wie Facebook möchten natürlich, dass Menschen permanent zumindest tendenziell unzufrieden sind, weil man dann davon ausgehen kann, dass es sich auch um zuverlässige Konsumenten handelt. Klar, einem der schon alles hat, kann man schlecht was verkaufen – und Facebook geht’s nun mal nicht um den Weltfrieden, sondern um Werbeeinnahmen, die durch Daten generiert werden. Dass Unzufriedenheit selbstverständlich auch in politischen Kontexten eine entscheidende Rolle spielt, macht die Sache nicht besser. Die verstärkte Nutzung von sozialen Netzwerken kann uns aber nicht nur unsere Zufriedenheit, sondern auch unsere Freiheit kosten: Ein Unternehmen erfüllt unsere menschlichen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Anerkennung und im Gegenzug dazu werden wir zur Ware. Die ganzen Likes und diese, ich nenne es mal „To-belongity“, haben also ihren Preis.
Wie toll würden wir einen Freund finden, von dem wir wüssten, dass er uns eigentlich nur ausnutzen möchte? Er will alles über uns wissen, aber nicht etwa, weil wir ihm etwas bedeuten, sondern weil das, was er über uns weiß, etwas wert ist. Zum Beispiel dann, wenn ich beiläufig erwähne, dass ich mich im Winter nur schwer dazu motivieren kann, Sport zu machen. Was wäre, wenn am nächsten Tag ein Typ von einem Fitnessstudio vor meiner Tür stehen und „Chakka, jetzt packen wir’s an!“ schreien würde? Und das alles, weil er dem vermeintlichen Freund Geld für die Info hinsichtlich meines Motivationsproblems bezahlt hat… Wer noch ganz knusper an der Waffel ist, würde sich so bald wie möglich von so einem Freund trennen. Aber was wäre, wenn der Freund uns auch etwas bieten würde? Und zwar etwas, auf das wir eigentlich nicht mehr verzichten wollten? Dann könnten wir uns vielleicht darauf einigen, Geschäftspartner zu werden. Und genau das sind wir auch im Hinblick auf Facebook. Immerhin segnen wir die AGBs des Unternehmens ab. Bei Freunden macht man das ja eher selten. Wenn wir auf Facebook also nicht verzichten wollen, sollten wir uns zumindest immer wieder vor Augen halten, in welchem Verhältnis wir zueinander stehen. Würde ich einem Geschäftspartner sämtliche meiner Gedanken, meine Probleme und Vorlieben anvertrauen? Bin ich dazu bereit, mich von einem Geschäftspartner manipulieren und konditionieren zu lassen? Oder versuche ich vielleicht doch lieber, mich in Bezug auf persönliche Informationen auf das Nötigste zu beschränken?
Wer sich dessen bewusst wird, in welchem Verhältnis wir zu Großkonzernen stehen, wird freier. Es ist möglich, das eigene Nutzungsverhalten zu ändern. Oder, um ein Marketinggenie zu zitieren: „𝗪𝗼𝗿𝗮𝘂𝗳 𝘄𝗮𝗿𝘁𝗲𝘀𝘁 𝗗𝘂 𝗻𝗼𝗰𝗵? 𝗗𝘂 𝗺𝘂𝘀𝘀𝘁 𝗷𝗲𝘁𝘇𝘁 𝗵𝗮𝗻𝗱𝗲𝗹𝗻, 𝗯𝗲𝘃𝗼𝗿𝗲𝘀 𝘇𝘂 𝘀𝗽𝗮̈𝘁 𝗶𝘀𝘁. 𝗗𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗭𝗲𝗶𝘁 𝗶𝘀𝘁 𝗝𝗘𝗧𝗭𝗧. 𝗗𝗶𝗲 𝗨𝗵𝗿 𝘁𝗶𝗰𝗸𝘁.“