Es ist ja so: Wenn wir in einem Laden vor zwei gleich schönen Jacken mit Pelzbesatz stehen würden und auf einem Etikett stünde gut sichtbar „Feinster Marderhundpelz aus garantiert grausamer chinesischer Käfighaltung“ und auf dem anderen: „Polyester“, dann würden so gut wie alle zur Jacke mit Polyesterpelzbesatz greifen, weil Tierschutz und so. Und wenn beim Kochen von Tomatensauce immer die ganze Küchenwand hinter dem Herd eingesaut wird, befestigen wir irgendein Glasteil mit Ornamenten oder stylischen Wellnessmotiven an diesem Wandstück, weil Spritzschutz und so. Und was machen wir, wenn wir hören, dass unbekannte Täter private Daten von Politikern, Promis und Journalisten klauen konnten und veröffentlicht haben? Wir lachen! Weil, äh… Ja, warum eigentlich? Weil Datenklau voll lustig und Schadenfreude eine gängige Untugend ist.
Auf der Facebookpräsenz einer deutschen Tageszeitung hagelt es hämische Kommentare. Andrea H. schreibt zum Beispiel: „Die werden schon nichts zu verbergen haben, oder???“ Und Ma L. kommentiert: „Ich habe auf meinem Handy nur anständige Sachen. Die kann jeder lesen! Geheimnisse und Schweinkram auf dem Handy – selber schuld!“ Und ich frage mich: Aus welcher Ecke der Hölle stammt eigentlich die Vorstellung, Daten wären nur dann schützenswert, wenn es um Verbotenes geht? „Ich habe nichts zu verbergen!“ ist eine Aussage, die in puncto Selbsteinschätzung etwa in der gleichen Liga kickt wie „Natürlich würde ich die Katze aus dem 17. Stock des brennenden Hauses retten!“ Ma L. hat nämlich durchaus etwas zu verbergen, sonst wäre sie mit ihrem Klarnamen bei Facebook und hätte nicht eine Schleiereule als Profilbild… Und es ist ja auch vollkommen okay, etwas zu verbergen zu haben. Das Konzept heißt übrigens Privatheit und ist als Teil des Persönlichkeitsrechts unter anderem Gegenstand mehrerer Artikel in unserem Grundgesetz.
Die Vorstellung, dass private Daten in großem Stil abgegriffen und im Anschluss veröffentlicht werden können, scheint viele Menschen weniger zu beunruhigen als Saucenflecken an einer Küchenwand. Allerdings gehe ich davon aus, dass in den Kommentarspalten auch über Saucenflecken gelacht werden würde, wenn es um die Küchenwand eines Politikers ginge. Würde aber das Haustier eines Politikers, zum Beispiel Macrons Labradormischling Nemo, der sich im Oktober 2017 an einem Kamin des Élysée-Palasts in unsere Herzen gepinkelt hat, entführt und wäre sein Leben bedroht – keiner würde lachen und die Entführer zu ihrem großen Coup beglückwünschen… Und kein Mensch, der ganz bei Trost und nicht in der Fleischwirtschaft beschäftigt ist, würde sagen: „Oh Mann, diese dämlichen Tierschutzgesetze nerven so! Hat die EU nix Besseres zu tun, als uns mit irgendwelchen blöden Gesetzen den Spaß zu verderben?“ Beim Inkrafttreten der DSGVO war der Jubel ja eher verhalten…

Wir halten also fest: Tierschutz toppt Datenschutz und Spritzschutz bewegt sich in puncto Prioritäten in etwa auf dem gleichen Level wie Datenschutz – abhängig davon, um wessen Küchenwand es sich handelt.

DEIN BROWSERVERLAUF AUF DER COUCH

Heute lachen wir über Politiker, die Digitalisierung für „irgendwas mit Uhren“ halten, betrachten unsere eigenen Daten aber immer noch als etwas Abstraktes, das zwar existiert, aber nicht viel mit uns zu tun hat. Dabei sind Daten unter anderem so etwas wie unser in Einsen und Nullen geronnenes Unbewusstes. Würde Freud heute praktizieren, würde er sich garantiert weniger für die Träume seiner Patientinnen und Patienten und mehr für deren Browserverlauf und ihr digitales Nutzungsverhalten interessieren. Unsere Daten sind dazu in der Lage, deutlich mehr über uns auszusagen als wir selbst. Aber das raffen wir noch nicht so richtig. Natürlich möchte keiner, dass eigene Passwörter, Pins und kriminelle Machenschaften publik werden – aber der Rest? Ach, 127 Katzenvideos am Tag sind doch nix Despektierliches! Wenn jemand allerdings daraus ableitet, dass man eine faule Sau ist, sieht die Sache schon anders aus… Aber vor einem Algorithmus braucht man sich wenigstens nicht zu schämen! Dr. Google unser Innerstes zu offenbaren fühlt sich doch irgendwie viel harmloser an, als sich dem eigenen Hausarzt anzuvertrauen – und der hat immerhin eine Schweigepflicht und ein langjähriges Studium absolviert. Nur mal so: Der Facebookalgorithmus ist nicht unser Freund, sondern ein knallhart kalkulierender Kerl, der alles von uns haben will, was er kriegen kann. Und als Francis Bacon 1598 den Satz formulierte „Denn Wissen selbst ist Macht“ („For knowledge itself is power“) und gut 20 Jahre später ergänzte: „Wissen und Macht des Menschen fallen zusammen, weil Unkenntnis der Ursache [auch] über deren Wirkung täuscht“, waren Daten damals schon mitgemeint, auch wenn das Internet noch nicht erfunden war…

Deswegen ein hoffentlich hilfreicher Gedanke fürs neue Jahr: Datenschutz ist wunderbar! Und ein Spritzschutz ist natürlich auch ganz praktisch.