„Wir sind zurück“, verkündete der Schweizer Grossist für Bürobedarf Offix Ende Juni auf der Firmenseite. Das Unternehmen mit 240 Mitarbeitern geht offen mit dem Hackerangriff um, der den Ruin hätte bedeuten können. Drei Wochen lang kämpfte die Holding, deren Töchter Ecomedia, Oridis und Papedis ebenfalls betroffen waren. Es war der digitale Super-Gau: Alle Systeme waren „durch einen gezielten, geplanten, massiven und durchorchestrierten Hacker-Angriff“ (Firmenseite) lahmgelegt worden. Auf der Unternehmensseite kann die Chronologie der Wiederherstellung nachvollzogen werden. Es hat mehrere Wochen gedauert, bis bei der in Aarburg beheimateten Firma der Alltag wieder einkehren konnte. Davor herrschten kriegsähnliche Zustände, die existenzbedrohend waren.

„WIR BEFINDEN UNS IM KRIEG“

Cyberwar wird von vielen als übertriebene Bezeichnung betrachtet. Es gibt doch keinen digitalen Schützengraben! Das ist ja alles „nur“ online… Doch wenn man sich vor Augen führt, wie der Angriff bei Offix verlaufen ist, merkt man rasch, wie abhängig wir von funktionierenden Computersystemen sind. Ohne sie kann es schnell vorbei sein. Nicht nur staatliche Institutionen und Wirtschaftsgiganten sind bedroht, sondern auch kleinere und mittlere Unternehmen.
Die Neue Zürcher Zeitung hat in einem umfangreichen Artikel zusammengefasst, was bei Offix passiert ist. Dieser Text liest sich wie ein Krimi. Das Ganze erinnert an den Reaktorunfall in Tschernobyl. Zu Beginn gab es Unregelmäßigkeiten, die noch nicht so bedrohlich erschienen, aber sich schließlich zu einer echten Katastrophe auswachsen sollten. Im Lauf weniger Stunden häuften sich die Probleme, die die IT-Abteilung nicht mehr in den Griff bekam. Als am Freitag um 6 Uhr die ersten Offix-Mitarbeiter ihre Arbeit antreten wollten, war schon kein Zugang mehr zum Intranet möglich. Ein eingeschleuster Virus sorgte für Verheerung: Datenbanken waren gelöscht, Server auf Werkseinstellungen zurückgesetzt worden. Es wurde von Stunde zu Stunde schlimmer. Der Angreifer, ein Hacker, der seine Lösegeldforderungen mit dem kostenfreien E-Mail-Dienst ProtonMail, der Nachrichten der Nutzer verschlüsselt, verschickt hatte, forderte 45 Bitcoins, die damals etwa 350.000 Franken entsprachen.
CEO Martin Kelterborn, ehemaliger Oberleutnant und stellvertretender Kompaniekommandant, wusste schnell, dass er den Krisenzustand, in dem sich das Unternehmen befand, nicht alleine bewältigen konnte. Er holte sich Hilfe von Spezialisten, informierte die Melde- und Analysestelle Informationssicherung (MELANI) und zeigte den bis heute unbekannten Täter bei der Polizei an. Ein Wochenende gab es nicht. Der Krisenstab kaufte 20 neue Laptops, erstellte neue E-Mail-Adressen, um die Kunden kontaktieren zu können und informierte den Kundenstamm darüber, dass es massive technische Probleme gab. Doch die Krise verschärfte sich. Am Montag teilte der CEO seinen Mitarbeitern mit: „Wir befinden uns im Krieg. Jemand will uns zerstören, aber wir holen uns unsere Firma zurück.“
Es klingt nach einem US-Thriller und war doch Realität bei einem mittelgroßen Unternehmen in einer Kleinstadt im Norden der Deutschschweiz.

EIN KLICK UND DIE FOLGEN

Offix ging mehrere Wochen durch die Hacking-Hölle. Die neuen E-Mail-Adressen (gmx) eigneten sich  nicht für den Massenversand von Mails, so dass das Unternehmen nach den ersten 50 gleichzeitig verschickten Nachrichten als Spammer eingestuft wurde. Jeder Kunde musste fortan einzeln angeschrieben werden. Auch die alten Faxnummern funktionierten nicht mehr.
Zum Glück stellten die engagierten IT-Spezialisten fest, dass der Angreifer nicht ganz sauber gearbeitet hatte. Ein Teil der Daten konnte wiederhergestellt werden. Wenige Wochen vor dem Vorfall hatte ein IT-Mitarbeiter ein externes Backup gemacht. Auf diese Weise konnte einiges – doch bei Weitem nicht alles – gerettet werden. Die Melde- und Analysestelle Informationssicherung fand sogar den Infektionsherd: ein alter Touchscreen-Computer im Wareneingang.
Aktiviert worden war der Virus durch einen Trick. Der Hacker hatte sich in eine E-Mail-Kommunikation mit einem Kunden eingeklinkt und von einem Mitarbeiter das Zertifikat für eine verschlüsselte Kommunikation eingefordert. Ein Klick des Mitarbeiters auf einen Link, den wiederum der Hacker verschickt hatte, schleuste den Virus schließlich ein. Ein Klick zog Folgen nach sich, die Offix im schlimmsten Falle vom Markt hätten fegen können…

UNTERNEHMEN VERSUCHEN SICHERHEITSPROBLEME OFT ZU VERSCHWEIGEN

Der Angriff auf Offix zeigt, dass auch kleinere und mittlere Unternehmen gefährdet sind. Häufig versuchen die Betroffenen dann, die Probleme selbst in den Griff zu bekommen, doch das Beispiel zeigt, wie sehr die Sache aus dem Ruder laufen und ein Unternehmen überfordern kann. Ist die Kommunikation mit den Kunden längerfristig massiv gestört, kann dies im schlimmsten Falle das Aus für ein Unternehmen bedeuten. Auch bei Offix war man überrascht von den Ausmaßen. CEO Keltenborn sagte der NZZ: „Wir dachten, unsere IT-Sicherheit sei in einem Topzustand.“
Der Angriff hat dazu geführt, dass das Thema Sicherheit einen neuen Stellenwert bekommen hat. In Zukunft wird das Unternehmen verstärkt versuchen, eigene Schwachstellen aufzudecken. Eins ist klar: Ohne Unterstützung von außen wäre Offix weniger glimpflich davongekommen.