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UND TÄGLICH GRÜSST DIE TASTROSETTE

„Meine Fingerbeere gehört mir!“ Dass das auch wirklich so ist, hat nun ein medizinisch-technischer Assistent gerichtlich bestätigt bekommen. Der Mitarbeiter einer radiologischen Praxis hatte eine Abmahnung von seinem Arbeitgeber erhalten, weil er sich geweigert hatte, seine Arbeitszeit durch einen Fingerabdruck-Scan nachzuweisen. Gegen diese Abmahnung klagte der Arbeitnehmer vor dem Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg. Mit Erfolg – die Abmahnung muss nun aus der Personalakte entfernt werden. Ein verpflichtender Fingerabdruckscan ist im vorliegenden Fall nicht ohne Einwilligung zulässig. Laut DSGVO ist die Verarbeitung biometrischer Daten nur in wenigen Ausnahmefällen erlaubt.
Der Fingerabdruckscanner erfasste in diesem speziellen Fall zwar nicht den vollständigen Fingerabdruck, sondern lediglich die Fingerlinienverzweigungen (Minutien bzw. Minuzien, von Lateinisch ‚minutus‘ = Kleinigkeit), die zur Rekonstruktion eines konkreten Fingerabdrucks zwar nicht mehr geeignet sind, weil sie zu wenige Informationen enthalten, aber doch durch Vergleich mit vorhandenen Daten die zuverlässige Identifizierung einer Person erlauben. Das Ganze ähnelt dann quasi der Straßenkarte unserer Fingerbeere.

VON ABGESCHNITTENEN FINGERN UND ERMORDETEN VERBRECHERN – FANTASIEN RUND UM FINGERABDRÜCKE

Der daktyloskopische Identitätsnachweis, aus Krimis und Detektivsets für Kinder auch als Fingerabdruckverfahren bekannt, dient nicht nur dazu, Verbrecher zu fangen, sondern wird mittlerweile auch gerne zum Entsperren des eigenen Smartphones genutzt.
Unsere „Handmarke“ hat nämlich die Eigenschaft, absolut einzigartig zu sein. Selbst eineiige Zwillinge haben keine identischen Papillarleisten. Es gibt auf der Welt keine zwei Menschen mit dem gleichen Fingerabdruck. Dieser Umstand führt zu zahlreichen Filmszenen von erlesener Grausamkeit: Abgeschnittene Finger, die benutzt werden, um sich unerlaubt Zutritt zu Sicherheitsbereichen zu verschaffen, gehäutete Hände, die dann von Verbrechern wie Designer-Handschuhe getragen werden – der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Dabei sind solche Szenen ganz großer Quatsch, weil die Sensoren biometrischer Systeme fast immer auch Temperatur und/oder Puls prüfen (Lebenderkennung). In den USA – wo sonst? – ist es Forschern allerdings auch gelungen, sich durch die Nutzung eines mit Spezialtinte ausgedruckten Fingerabdrucks Zugriff auf das Smartphone (Samsung Galaxy S6) eines Mordopfers zu verschaffen. Vom Toten selbst konnte kein Fingerabdruck mehr gewonnen werden, weil er schon zu stark verwest war, aber zum Glück hatte er sich mal eines Verbrechens schuldig gemacht, so dass der Polizei Fingerabdrücke von ihm vorlagen. Fun fact: der Drucker, mit dem die Tastwärzchenlinien ausgedruckt wurden, kostete nur halb so viel (etwa 150 Euro) wie die leitfähige Tinte (über 300 Dollar).
Was lernen wir daraus? Verbrechen lohnt sich, wenn man nach seinem Ableben den eigenen Mörder nicht ungestraft davonkommen lassen möchte, es gibt im Deutschen erstaunlich viele mehr oder weniger poetische Ausdrücke für Fingerabdrücke und unsere Fantasie ist schier unerschöpflich, wenn es darum geht, sich vorzustellen, wie man den menschlichen Fingerabdruck derart verändern könnte, dass er einen nicht mehr identifiziert (Käsereibe, Säure, Rasierklingen, Feuer – und dabei belassen wir’s jetzt mal) – noch schlimmer ist eigentlich nur der Gedanke daran, was bei der Iriserkennung alles möglich wäre…
Zum Schluss noch Tierisches aus der Fingerabdruckforschung: Koalas haben als einzige Nicht-Primaten Fingerabdrücke – und übrigens an jeder Hand zwei Daumen (und die sollen niedlich sein?!). Und bis heute werden zur Sichtbarmachung von Fingerabdrücken Marabufedern verwendet. Marabus sind diese hässlichen Störche mit grotesk großen Kehlsäcken – Tiere, die eigentlich nur die eigene Mutter lieben kann.
Halten wir fest: Fingerabdrücke sind faszinierend und haben großes Gruselpotenzial. Und wir sollten es uns zweimal überlegen, ob wir leichtfertig mit unseren biometrischen Daten umgehen wollen, denn Datensammler können die Finger einfach nicht von unseren Fingerabdrücken lassen, weil sie uns unglaublich zuverlässig identifizieren.