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… WER HAT MIT MEINEM GÄBELCHEN GESTOCHEN? WER HAT MIR MEINEN SPOTIFY-RELEASE-RADAR RUINIERT?

Bettina ist entsetzt. Ihr Spotify-Release-Radar schlägt ihr seit mehreren Wochen in Folge nur Schrott vor. Sie hört fast ausschließlich Rock, niemals Schlager oder Partysongs und jetzt das: „Ich bin ein Träumer“ von Christian Anders, „Wo i her kumm“ von den Lausern und dann noch Hits von Antonia aus Tirol und von den Bläck Fööss. Was soll das? Oder, wie Bettina es ausdrückt: „Welcher beschissene Algorithmus bringt die App dazu, zu glauben, der Schrott auf dem Release-Radar könnte dem Nutzer gefallen?“
Plötzlich steht die Frage im Raum, ob jemand heimlich den Account genutzt haben könnte, zum Beispiel die Oma. Nein, die Oma kann’s unmöglich gewesen sein. Die ist nämlich schon mausetot und mochte weder Partyhits noch Schlager. Aber wie kann es sonst dazu kommen, dass ein Unternehmen, das ein „bestmögliches Hörerlebnis“ durch die Nutzung persönlicher Daten, die klare Rückschlüsse auf Vorlieben erlauben, verspricht, derart daneben liegt?
Was Bettina aber auch schon aufgefallen ist: Ein Freund, mit dem sie auch auf Facebook verbunden ist, folgt der niederländischen (allerdings englisch singenden) Band Kensington und plötzlich bekommt sie mehrere Wochen lang niederländische Musik empfohlen, obwohl sie weder niederländisch spricht, noch jemals selbst Musik von Niederländern gehört hat.
Auch andere User berichten von ähnlichen Erlebnissen, weshalb manche sogar schon den Streamingdienst gewechselt haben. Ich geh schließlich nicht in einen Plattenladen und verlange Annihilator, um dann Helene Fischer empfohlen zu bekommen. Wenn ich meine Daten schon preisgebe, will ich gefälligst auch was davon haben – nämlich gute Empfehlungen.

EIN MÜNCHNER IN HAMBURG – AUS DER HEXENKÜCHE DER ALGORITHMENENTWICKLER

Wer jetzt erwartet, dass ich das Geheimnis um den Spotify-Algorithmus mal eben lüfte, den muss ich leider enttäuschen. Ich hab keine Ahnung, was genau hinter den miserablen Release-Radar-Empfehlungen, die wohl kein Einzelfall sind, steckt. Vermutlich eine Verquickung zahlreicher Faktoren wie Vorlieben von Freunden, Faschingszeit und chaotischem Verhalten im Netz. Jemand aus meinem unmittelbaren Umfeld hat wegen der ins Haus stehenden Insolvenz seines Arbeitgebers online nach interessanten Jobs gesucht und aus Versehen auf eine Anzeige für ein Jobangebot in Hamburg geklickt. Daraufhin erhielt er über Wochen Jobanzeigen aus Hamburg, obwohl er in Bayern wohnt. Ist der Algorithmus also dumm? Wenn jemand 99 Jobanzeigen aus Bayern und eine aus Hamburg checkt, wohnt der dann eher in Nord- oder in Süddeutschland? Jeder, der ein funktionierendes Gehirn im Kopf hat, wird vermutlich auf Süddeutschland tippen, aber vielleicht funktionieren Algorithmen ja anders. Möglicherweise hat sich ein freudianisch geprägter Entwickler gedacht: „In abwegigen Suchanfragen schlagen sich unbewusste Wünsche nieder, die eigentlich viel stärker wirken als der ganze bewusste Kram, aber irgendwie verboten sind!“
Vielleicht steckt aber auch einfach nur ein Bug dahinter. De facto kann das kein Mensch sagen, der nicht unmittelbar damit zu tun hat. Denn Algorithmen sind die Geheimrezepte des 21. Jahrhunderts. Genauso wenig wie Coca Cola verrät, was in der braunen Brause drinsteckt, lüften Spotify und Co das Geheimnis hinter den Algorithmen, die den Release-Radar und all die anderen Empfehlungslisten generieren. Das geht sogar so weit, dass gegen jeden, der auch nur versucht, einen Blick in die Blackbox zu werfen, vorgegangen wird. Pelle Snickars, ein Professor für Media and Communication Studies an der Universität Umeå, hatte mit seinem Team den Versuch unternommen, für mehr Transparenz zu sorgen. Spotify reagierte verschnupft und wollte dem Spuk ein Ende bereiten. Die schwedische Behörde zur Förderung von wissenschaftlichen Arbeiten vergab jedoch weiterhin Fördermittel für das Forschungsprojekt, so dass 2019 das Buch „Spotify Teardown: Inside the Black Box of Streaming Music“ veröffentlicht werden konnte. Das Geheimnis hinter den Algorithmen bleibt allerdings weitgehend ungeklärt, da sich auch ständig etwas ändert. Worauf ich hinaus will, ist der Umstand, dass vieles, was unseren Alltag und damit unser gesamtes Leben prägt – ob nun durch den Konsum von Musik, Podcasts oder Filmen – völlig intransparent ist. Wir verspüren allenfalls eine Irritation, wenn unsere kuschelweiche Personalisierungsblase platzt, so wie bei Bettina, die sich jetzt über Schlager ärgert, obwohl gerade diese Art von Musik doch eigentlich glücklich machen sollte.