© Bildagentur PantherMedia  / Jaroslav Frank

Wie weit würden Sie gehen, um den zukünftigen Erfolg ihres Kindes zu gewährleisten? Wenn ein Experte, zum Beispiel ein Neurowissenschaftler, Ihnen mitteilen würde, dass es eine tolle neue Möglichkeit gäbe, die Konzentration ihres Kindes zu fördern und ihm dabei zu helfen, fokussiert zu sein, nicht mehr wie ein schlaffer Sack in der Schulbank zu hängen und heimlich aufs Smartphone zu gucken, sondern aufmerksam dem Unterricht zu folgen – und das alles ohne Chemie! – wie würden Sie das finden? Wenn alle mitmachen würden, weil keiner der Depp sein will, der abgehängt wird – was wäre dann? Würden Sie dann sagen: „Niemals! Ich möchte das nicht! Scheiß auf die guten Noten, die die anderen ruhig haben sollen! Ich möchte eine reine Seele behalten!“
Oder würden Sie vielleicht denken, dass das wohl nicht so schlimm sein kann, wenn Experten das empfehlen, alle es machen – und vor allem: Wenn’s auch noch was bringt in puncto Zukunft. Wäre es da nicht mehr als okay, das Beste für das eigene Kind rauszuholen?
In China meint man, eine Möglichkeit gefunden zu haben, bereits das Potenzial ganz junger Menschen auszuschöpfen. Immer mehr Grundschulen werden zu Forschungslaboren in puncto Leistungssteigerung. Ja klar, denken jetzt alle und atmen erleichtert auf. Diese Chinesen sind krass. Wir sind zum Glück nicht so abartig kompetitiv, was Bildung angeht. Allenfalls beim Saufen. Da werden zu Semesterbeginn auf Kneipentouren fleißig Stempel und Punkte gesammelt, damit die eigene Fakultät einen Kneipentouren-Wanderpokal gewinnt. Yay, da müssen wir als geistige Elite wettbewerbsfähig bleiben, sonst sind wir am Ende noch die Loser, die nichts weghauen können. Und diese Globalisierung, Herrschaftszeiten, die frisst uns doch dann gnadenlos auf!
Diese Chinesen, die sind wirklich krass. Clippen ihren Kindern EEG-Stirnbändern an den Kopf und GPS-Tracker in die Uniform. Da gibt’s Roboter und Kameras, die mit Hilfe einer Gesichtserkennungssoftware ausmachen sollen, wann die Kleinen Quatsch machen, auf ihr Smartphone gucken oder verträumt aus dem Fenster blicken. Ja, gibt’s denn überhaupt Fenster in chinesischen Schulen? Gut, dass das so weit weg ist, dieses China. Hier ginge das nicht! Wir können uns das Video des „Wall Street Journal“, in dem diese vollständig überwachten Grundschulkinder gezeigt werden, wie einen Thriller anschauen und dabei Erdnüsse kauen. Wenn irgendwer versuchen würde, uns derart zu überwachen – das würde einen Aufschrei geben! Wir sind da einfach schon viel weiter…

SIE WOLLEN DOCH NUR UNSERE STIMMEN

Markus Söder hat Angst, dass wir abgehängt werden. Zwei Milliarden Euro will er deshalb für Innovationen u.a. im Bereich  „Künstliche Intelligenz“ locker machen und erklärt: „Wir zünden damit den Forschungsturbo, damit Bayern auch noch in zehn Jahren in der Champions League mitspielen kann.“  Eine super Sache! In den nächsten Jahren sollen 100 neue Lehrstühle für KI gegründet und 5.000 zusätzliche Studienplätze in der Informatik geschaffen werden. Das Ding ist: So viele junge Leute, die ein Informatikstudium durchziehen wollen, gibt’s in Bayern gar nicht. Mathe und Programmierung sind halt keine reinen Spaßfächer. Da müsste schon in der Schule angesetzt werden. Wie wär’s mit coolen Robotern und EEG-Stirnbändern? Erstmal nur auf freiwilliger Basis, als Pilotprojekt. Da möchte doch jeder dabei sein, bei so einem Pilotprojekt! Pilot ist ja ein Traumberuf. Obwohl… Man arbeitet bereits daran, Piloten zu ersetzen. Autonomes Fliegen ist leichter umsetzbar als autonomes Autofahren. Die Hindernisse sind ab einer gewissen Höhe sehr überschaubar. Am Vertrauen müsste allerdings noch gearbeitet werden. Maschinen sind immer so furchtbar maschinenartig und unemotional. Die verstehen uns ja gar nicht wirklich. Künstliche Intelligenzen sind, was unsere Emotionen angeht, immer noch total unterbelichtet. Wenn ich Siri in hörbar verzweifeltem Ton frage, wo die nächste Brücke ist, von der ich mich stürzen kann, dann fragt die nicht, was mit mir los ist, sondern sagt mir eiskalt, wo ich hin muss. Jemand der so drauf ist, darf doch kein Flugzeug fliegen!
Aber was wäre, wenn künstliche Intelligenzen wirklich dazu in der Lage wären, uns zu verstehen? Wenn sie unsere Stimmfärbung deuten und darauf eingehen könnten? Das würde doch sicher das Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Maschine enorm stärken. „Audio Intelligence“, das wär’s! Ein Unternehmen aus Gilching forscht in genau diesem Bereich. Es hat sogar schon den bayerischen Innovationspreis verliehen bekommen. Um die KI zu trainieren, die irgendwann zuverlässig Emotionen aus Stimmproben lesen soll, benötigt die Audeering GmbH allerdings noch ganz viele Stimmproben. Die Geschäftsführerin hat auch schon eine Vorstellung davon, was sich ändern müsste: „Ich fordere konkret, dass man sich mit dem Themenbereich auseinandersetzt, sich die Technologie anschaut, dass man eben innovativen Unternehmen ermöglicht, diese Zugänge zu bekommen und diesen auch unter die Arme greift, und dementsprechend auch unterstützt, wenn sie diese Daten haben wollen.“ Konkret fordert sie, das derzeitige Datenschutzprinzip umzukehren. Während die DSGVO ein Verbot mit Erlaubnisvorbehalt ist – alles ist verboten und nur was definitorisch erlaubt ist oder mit Einverständnis des Verbrauchers geschieht, ist erlaubt – möchte sie, dass alles erlaubt ist und nur derjenige, der aktiv widerspricht, einen Anspruch auf den Schutz seiner Daten hat. Die sind ja krass, diese Bayern! Gut, dass Gilching so weit weg ist…